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Nach der Krise ist vor der Krise: Sechs Optimierungsbereiche für Supply-Chains

Apr 27, 2020 4 min

Nachdem sich der erste Schock der Coronapandemie gelegt hat, machen Einzelhändler Bestandsaufnahme ihrer jetzigen Situation und der möglichen Zukunft. Leider lässt sich nicht von der Hand weisen, dass viele Händler durch die Geschäftsschließungen so stark geschädigt wurden, dass sie sich davon nicht mehr erholen – dies trifft insbesondere unabhängige Einzelhändler und kleinere Ketten.

Deshalb wird es im kommenden Jahr weitere Fusionen in der Branche geben. Die Händler, die ihre Geschäfte jetzt wieder öffnen können, müssen all ihre bisherigen unternehmerischen Gewissheiten auf den Prüfstand stellen: Strategien, die vor Corona funktionierten, werden nach der Krise ohne durchdachte Anpassung wahrscheinlich kein Wachstum mehr unterstützen.

Die COVID-19-Pandemie hat eines gezeigt: Fast alle Händler müssen der Optimierung ihrer Supply-Chain fortan eine hohe Priorität einräumen. Im Folgenden haben wir für Sie zusammengestellt, worauf Einzelhändler sich unserer Erkenntnis nach einstellen müssen.

1. Maßnahmen, um Supply-Chains flexibler und anpassbarer zu gestalten

In der Vergangenheit war der Handel ein stabiles Geschäftsfeld, dessen flächenbereinigte Wachstumsrate insbesondere im LEH höchstens wenige Prozent betrug. Die Auswirkungen des Coronavirus auf Absatzmuster haben in aller Deutlichkeit bewiesen: Die Dinge können sich sehr schnell ändern und viele Einzelhändler sind mit ihrer jetzigen Strategie überhaupt nicht darauf eingestellt, sich schnell an neue Bedingungen anzupassen. Zehntausende Angestellte im Einzelhandel müssen Millionen von Warenflüssen planen und managen. Dass die Nachfrage dramatisch von der Norm abweicht und dabei jegliche Stabilität untergräbt, macht es ihnen nicht leichter.

Die Bereitschaft, in Prognosetools, Bestandsmanagement, Markdown- und Workforce-Optimierung zu investieren, ist jetzt besonders gefragt: Denn in Zukunft könnten ähnliche Pandemie-Szenarien auf uns zukommen.

Die Bereitschaft, in Prognosetools, Bestandsmanagement, Markdown- und Workforce-Optimierung zu investieren, ist jetzt besonders gefragt: Denn in Zukunft könnten ähnliche Pandemie-Szenarien auf uns zukommen – vielleicht schon im nächsten Jahr, wie einige Experten annehmen. Darauf sollten Sie vorbereitet sein. Technische Lösungen müssen Unternehmen ermöglichen, schneller auf Erschütterungen ihrer Lieferketten zu reagieren. So kann verhindert werden, dass diese andere Betriebsbereiche beeinträchtigen: etwa die Fähigkeit, Warenflüsse schnell umzulenken, entlang der gesamten Supply-Chain zusammenzuarbeiten, Kapazitäten zu managen sowie Sortimente zu priorisieren und zu allozieren.

2. Eine breit gefächerte Lieferantenbasis

Insbesondere die RELEX-Kunden aus dem Lebensmitteleinzelhandel erlebten in den vergangenen Monaten enorme Absatzsteigerungen. Viele berichten nun, dass diese Erhöhungen sich bereits wieder einpendeln. Es ist nicht zu erwarten, dass höhere Bestandsmengen von nun an Teil der neuen Normalität werden. Allerdings kämpfen viele Einzelhändler weiterhin mit Bestandsknappheit, weil ihre Beschaffungsstrategien nicht flexibel sind.

Um besser mit Änderungen in der Verteilung umzugehen, setzt eine Vielzahl von Händlern auf neue Risikomanagement-Strategien für die Beschaffung. Supply-Chains sollten jedoch nicht zu sehr von Einkäufen mit langer Vorlaufzeit oder einem kleinen Pool spezifischer Lieferanten oder Beschaffungsregionen abhängen. Verlassen Sie sich auf Kategorieebene nicht auf einen einzigen Lieferanten – die Strategie mag kostengünstig erscheinen, ist aber hochriskant. Da sich Implementierungen nicht ohne Kosten umsetzen lassen, müssen in diesem Bereich mitunter erhebliche Kompromisse in Betracht gezogen werden.

3. Engere Zusammenarbeit mit Lieferanten

Nach monatelanger Bestandsknappheit sind Einzelhändler jetzt besonders auf die Befähigung ihrer Lieferanten fokussiert, Nachschub zu liefern. Glücklicherweise berichten unsere Kunden, die sehr gute Beziehungen mit ihren Lieferanten pflegen, über ausgezeichnete Zusammenarbeit und hohe Transparenz von Bedarf und Verfügbarkeit. Viele Lieferanten zeigen ihren Kunden im Vorfeld genau an, was sie in Zukunft liefern können. Gleichzeitig werden Händler zunehmend proaktiver und teilen ihre Absatzprognosen mit Lieferanten, um ein hohes Serviceniveau zu garantieren.

4. Agilität, um Materialflüsse ändern zu können

Für viele Einzelhändler bildeten die Lager während der gesamten Coronakrise einen besonderen Engpass. Doch selbst Händler mit hocheffizienten Verteilzentren müssen Prozesse etablieren, die ihnen erlauben, Liefermethoden im Bedarfsfall schnell zu ändern. Zeichnen sich Kapazitätsprobleme ab, ist Agilität gefragt, um schnell auf Cross-Docking oder Direktlieferungen vom Lieferanten an die Filiale umsteigen zu können.

5. Kapazitätsmanagement verbessern

Um den Verbrauchern ein hohes Maß an Verfügbarkeit bieten zu können und gleichzeitig Kapazitätsbeschränkungen zu managen, steigen viele Händler auf größere Losgrößen um. Ursprünglich waren es Discounter, die im großen Stil auf Massenpräsentation in ihren Filialen setzten. Doch auch herkömmliche Einzelhändler täten gut daran, sich die Best Practices aus diesem Bereich abzuschauen, um auf Zeiten wie diese vorbereitet zu sein: Größere Lose werden hier zur Notwendigkeit, um die Verbrauchernachfrage zu erfüllen.

Auch für die Priorisierung des Sortiments und die Warenallokation im Fall von auftretenden Kapazitätsproblemen sollten Händler über Prozesse verfügen. Für Lebensmitteleinzelhändler war die Nachfrage allerdings so hoch, dass sie nicht zu bewältigen war – insbesondere zu Beginn der COVID-19-Pandemie, als die Hamsterkäufer ihre Speisekammern zu füllen begannen. Durch eine Verschlankung des Sortiments und optimierte Warenallokation ist es dennoch möglich, die Verfügbarkeit der wichtigsten Produkte in allen Filialen auf hohem Niveau zu halten.

6. Schneller, schlanker, effizienter

Allgemein gesehen muss der Einzelhandel, um schneller und effizienter zu werden, Entscheidungsfindung, Kommunikation und Transparenz verbessern – intern wie auch extern, mit den Lieferanten. Noch immer setzen zu viele Händler auf konservative Strategien, die sie in dieser Zeit nie gekannter Anforderungen an die Supply-Chain beeinträchtigen. Die Tage bürokratisch-behäbiger Entscheidungsfindung mit Tendenz zu langem Aussitzen sind nun jedoch passé.

Händler, die weniger wendig waren, bezahlen die nun erlernten Lektionen teuer. Um sich erfolgreich zu positionieren, werden sich mehr Unternehmen schnelle, schlanke und reaktionsfreudige Prozesse zur Entscheidungsfindung aneignen. Offene Kommunikation und hohe Transparenz bilden die Grundlage dafür.

Autor

Eero Äijälä

Head of Central Solution Consulting