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KI in der Supply Chain 2026: Was hinter dem Hype steckt

Jul 6, 2026 6 min

Das Vertrauen in eigens für die Supply Chainentwickelte KI war noch nie so hoch. Autonome Entscheidungen durch KI bleiben jedoch die Ausnahme.

Laut unserem State-of-the-Supply-Chain-Report 2026 sind 67 % der Supply-Chain-Verantwortlichen zuversichtlicher gegenüber KI als noch im Vorjahr, nur 3 % berichten von gesunkenem Vertrauen. Trotz dieser breiten Akzeptanz geben jedoch lediglich 10 % der Befragten an, KI bei kritischen Entscheidungen ohne menschliche Prüfung einzusetzen.

Diese Zahlen zeigen: Das Interesse an KI wächst, doch bevor Planende agentischen Tools die eigenständige Entscheidungshoheit übertragen, muss die Technologie noch vieles unter Beweis stellen.

Abb. 1: Das Vertrauen in KI wächst, doch 54 % bevorzugen weiterhin den Menschen im Entscheidungsprozess.

Das Vertrauensgefälle bei der KI-Einführung folgt einem bekannten Muster

Der aktuelle Anstieg des Vertrauens in KI entspricht der klassischen Technologieadoptionskurve: Eine kleine Gruppe von Early Adoptern, gefolgt von der breiten Masse, die nach der ersten Begeisterungswelle nachzieht, und schließlich die Nachzügler, die irgendwann aufschließen. Für KI in der Supply Chain gilt offensichtlich dasselbe Muster.

Das wachsende Vertrauen in KI für die Supply-Chain-Optimierung ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich immer mehr Menschen im beruflichen wie privaten Umfeld mit natürlichsprachigen Schnittstellen vertraut machen. Sie erleben spürbare Produktivitätsgewinne, auch wenn ein unternehmensweiter ROI noch nicht vollständig realisiert ist. Zunehmend verstehen sie, wie KI ihre tägliche Arbeit künftig prägen könnte.

Der Report zeigt: 71 % planen, in den nächsten drei bis fünf Jahren in Generative KI zu investieren, ein Anstieg von 12 Prozentpunkten gegenüber 2025. Angesichts der Popularität von Tools wie ChatGPT und Claude ist das wenig überraschend.

Auch das Interesse an anderen KI-Formen steigt: 60 % der Befragten planen Investitionen in Prädiktive KI, ein Anstieg von 17 Prozentpunkten gegenüber 2025. Derzeit skalieren erst 32 % aktiv KI-Lösungen. Diese Zahl dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen.

Kurz gesagt: Unternehmen vollziehen den Schritt von der Experimentierphase zum operativen Einsatz, in konkreten, praxisnahen KI-Anwendungen.

Abb. 2: Das Vertrauen in Generative KI und Prädiktive KI wächst; ein Drittel der Unternehmen investiert bereits aktiv.

Wo agentische KI in der Supply-Chain-Planung Wirkung zeigt

Bei zukunftsorientierten Unternehmen etabliert sich eine neue KI-Kategorie: agentische KI, die direkt in die Planungssoftware integriert ist. Diese KI übernimmt komplexe Denkarbeit in mehrstufigen Prozessen mit verschiedenen Stakeholdern. Drei Bereiche erweisen sich dabei als besonders geeignet.

Einkaufsoptimierung

Einkaufsoptimierung im Rahmen des Verteilzentrum-Einkaufs ist von Abstimmung zwischen verschiedenen Parteien geprägt, verstreuten Daten in E-Mails und unterschiedlichen Systemen sowie stark schwankenden Preisen. Um hier noch den Überblic zu behalten, braucht es eine ausgefeilte Datenanalyse über mehrere Quellen hinweg.

Für Unternehmen, die bereit sind, diese Koordinationsarbeit an fähige KI-Modelle zu delegieren, winken Einsparungen beim Working Capital, Potenzial, das bislang im Prozessrauschen verborgen blieb.

Kontinuierliche Integrierte Unternehmensplanung (IBP)

Der monatliche IBP-Zyklus ist ein fester Bestandteil vieler Hersteller und seit jeher eine Quelle anhaltender Frustration. Seit Jahrzehnten tragen bereichsübergreifende Teams Tabellen und Präsentationen zusammen, um sich auf Zahlen zu einigen, die beim Meetingbeginn bereits teilweise veraltet sind.

Agentische KI kann diesen Prozess beschleunigen. Bei Unternehmen, die sie bereits einsetzen, gleicht die Technologie Bedarfssignale, Kapazitätsengpässe und Finanzziele nahezu in Echtzeit ab und macht Abweichungen sichtbar, bevor sie sich zu größeren Problemen entwickeln. Das Ergebnis: Integrated Business Planning als kontinuierlicher Zustand statt als strukturiertes Monatsevent, Planende erhalten ein gemeinsames, stets aktuelles Bild des Unternehmens, kein Schnappschuss, der schnell wieder veraltet ist.

Automatisierte Ursachenanalyse

Wenn eine Prognose nicht stimmt oder ein Lieferant überraschend niedrige Leistungen bringt, bedeutet die Ursachenanalyse bislang tagelange Handarbeit: Daten aus verschiedenen Systemen zusammenführen, Unklarheiten oder Abweichler herausfiltern, die Kausalkette Schritt für Schritt rekonstruieren. Das kostet Zeit, birgt Fehlerquellen und hält Planende von zukunftsgerichteten Entscheidungen ab.

Agentische KI übernimmt die rechnerische Vorarbeit: Agenten liefern klare Handlungsempfehlungen und setzen notwendige Änderungen direkt um. Die Aufmerksamkeit der Planenden bleibt für die Ausnahmen reserviert, die wirklich menschliches Urteilsvermögen erfordern, nicht für die Rekonstruktion von inzwischen überholten Fehlern.

Abb. 3: Zukunftsorientierte Unternehmen integrieren agentische KI direkt in ihre Planungssoftware, um Analyse und Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Was ist mit Unternehmen ohne KI-Strategie?

Die meisten Unternehmen haben Investitionspläne im KI-Bereich, sofern sie noch nicht in der Umsetzung sind. Doch es gibt eine kleine Gruppe, die kein Interesse zeigt: 15 % der Befragten planen keinerlei KI-Einsatz im Supply-Chain-Management. Diese Gruppe ist nicht homogen, und die Zahl kann täuschen, wenn man nicht genauer hinschaut.

KI ist mehr als fortgeschrittene Chatbots

Manche, die angeben, keine KI einsetzen zu wollen, tun es möglicherweise bereits, ohne es zu wissen. Wenn Menschen an KI denken, denken sie oft nur an Generative KI. Die Popularität großer Sprachmodelle (LLMs) hat zu einem stark verengten Bild von KI in der Öffentlichkeit geführt. Dass RELEX seit seinen Anfängen vor 20 Jahren eine spezialisierte Form eigens entwickelter KI einsetzt, ist vielen gar nicht bewusst.

Unternehmen kämpfen ums Überleben

Während einige Unternehmen vielleicht noch nicht wissen, dass sie bereits in KI investieren, suchen andere Möglichkeiten, ihre alten Arbeitsmuster und Lösungen beizubehalten. Ihr Widerstand ist oft nicht bloß Frage der Überzeugung, sondern der Kapazität: Zahlreiche Unternehmen im Retail, Großhandel und in der Herstellung kämpfen gerade ums Überleben.

Wer täglich um die Geschäftskontinuität ringt, hat keine Kapazitäten für grundlegende Veränderungen. Langfristiges Denken erscheint als Luxus. Fünf oder zehn Jahre vorauszuplanen fällt schwer, wenn man sich Sorgen um den nächsten Monat macht.

Langsam unterwegs in einer schnellen Welt

Hinzu kommt, dass viele Supply-Chain-Unternehmen historisch bedingt langsam agieren, und damit gut gefahren sind. Wer erlebt hat, wie andere technologische Innovationen kamen und gingen, ohne dass die eigene Existenz davon abhing, fragt sich berechtigt: Warum jetzt bei KI sofort aufspringen?

Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass die 15 % ohne KI-Investitionspläne ihre Meinung in den nächsten Jahren ändern werden. Der Report zeigt: 86 % sind bereits von erheblichen handelspolitischen Verwerfungen betroffen. Die Realität anhaltender Disruption und konstanter Volatilität, das neue Normal der letzten Jahre, wird früher oder später alle dazu bringen, neue Wege zu suchen.

Augmentierung ist der Zwischenschritt, nicht das Ziel

Derzeit ist die beliebteste Form der KI-Integration ein Hybridansatz: Die Tools unterbreiten Vorschläge, menschliche Planende treffen die finale Entscheidung. 54 % der Befragten bevorzugen dieses Vorgehen; nur 10 % fühlen sich damit wohl, KI bestimmte Entscheidungen eigenständig treffen zu lassen. Angesichts des aktuellen Reifegrads der KI-Einführung ist das wenig überraschend.

Der echte ROI liegt jedoch in der Automatisierung. Augmentierung ist der natürliche Zwischenschritt, ein notwendiger, aber kein dauerhafter Endpunkt. Wer ein gewisses Maß an automatisierter Entscheidungsfindung zulässt, wird seine ROI-Prognose grundlegend verändern. Und dorthin werden die meisten Unternehmen mit der Zeit gelangen.

Der Weg zur Automatisierung ist schrittweise. Es ist völlig nachvollziehbar, eine neue Technologie zunächst gründlich zu testen, bevor man ihr volle Autonomie einräumt. Doch mit der Zeit, je mehr KI beweist, dass sie eigenständig kluge Entscheidungen trifft, werden Planende immer wohler dabei, bestimmte Aufgaben im Hintergrund autonom erledigen zu lassen.

An illustration of an AI agent presenting an order proposal to human planners.
Abb. 4: Aktuell dominiert der Hybridansatz: Agentische KI macht Vorschläge, Menschen treffen die finale Entscheidung.

Was es kostet, auf KI-Integration zu warten

Die wenigen Unternehmen, die der KI-Integration ganz fernbleiben, geben Wettbewerbsvorteile preis.

Wer KI jetzt einsetzt, trifft bessere Entscheidungen schneller und hat die Time-to-Market spürbar verkürzt. Wer keine KI-Pläne hat, riskiert, dass schneller agierende Wettbewerber um ein solches Maß effizienter werden, dass sie Kunden zu günstigeren Preisen besser bedienen können.

Die kluge Strategie für etablierte Akteure lautet: so schnell wie möglich in diese aufkommenden Technologien investieren. Mindestens aber: offen für Veränderungen bleiben, um nicht von der Konkurrenz überholt zu werden.

Erfahren Sie mehr darüber, wie führende Unternehmen den Wandel gestalten. Der RELEX State-of-the-Supply-Chain-Report 2026 befragte über 500 Supply-Chain-Verantwortliche aus Retail, Großhandel und Herstellung zu Reaktionen auf Disruption, strategischen Verschiebungen und verbleibenden Lücken.

Beitrag von

Max Forsius

Produktdirektor, AI Innovations